Eisenheinrich: Hälfte des Lebens unplugged in Lützschena
Die Jubiläen purzeln, wie sie kommen. Hans „Erbse“ Moser und Lutz Heinrich ist das ziemlich Wurscht. „Wir werden schon feiern, wenn uns danach ist“, sagen die beiden Musiker einhellig. Zehn Jahre alt wurde „Eisenheinrich“, ihre gemeinsamen Band. 1994 gegründet. Der Name ist Programm. Handfest ist, was die Band spielt. Herzhafter Rock, ein ordentlicher Blues. Und wenn es darauf ankommt, auch mal eine ordentliche Jazz-Einlage. Die CD „Hälfte des Lebens“ konnte so eine Art Geburtstagsgeschenk sein. „Ist sie aber nicht“, sagen die beiden. Wieder einer Meinung.
Die Scheibe ist trotzdem da, produziert für Hörwerk, den kleinen CD-Verlag von Gerhard Pötzsch. Der wollte schon länger mal zeigen, dass man aus deutschen Gedichten mehr machen kann als eine Lyrik-CD, die „dann doch wieder keiner anhört, weil er keine Ruhe dafür hat“. Und ein zweites Rilke-Projekt auflegen - eben nur mit anderen Dichtergrößen - war dem Verleger aus Lindenthal auch nix. „Aber schönen, echten Rock drunterlegen und so richtig Pfeffer geben, das ist es“, sagte Pötzsch im Sommer, als die Scheibe fertig war. Vorher musste er noch seine Rocker finden. Oder besser: überzeugen. Denn miteinander gearbeitet haben die drei schon länger.
All seine CDs lässt Pötzsch in Lützschena produzieren in Lutz Heinrich Sternburg Studio. Sternburg heißt das Studio nicht ohne Grund. Ganze 100 Meter entfernt steht die alte Sternburg Brauerei, wo einst jeder dritte Lützschenaer einen Job hatte und das Bier gebraut wurde, von dem es heute nur noch den Namen gibt, der zwar einen neuen Herren, aber keine Heimat mehr hat. „Pötzsch war es, der mit der Idee zu uns kam“, bestätigt Moser. „Es ist aber nicht so, dass wir die Texte nicht kannten. Die Bücher stehen bei uns alle zu Hause im Schrank.“ Und Lutz Heinrich: „Aber es war auch irgendwie so, als hätte die Platte die ganzen zehn Jahre in uns geschlummert. Wir haben uns schon immer mal mit der Idee getragen, so etwas zu machen.“
Die Texte ausgesucht hat Gerhard Pötzsch. Zeitlose Texte. „Richtig schöne Texte“, sagt Erbse. „Solche Texte braucht man nicht umzuschreiben. Die funktionieren ganz von allein. Da ist alles drin.“ Goethe, Hölderlin, Trakl. Auch ein Gedicht von Paul Flemming, dem Leipziger Dichter des 17. Jahrhunderts: „Wie er wolle geküsset sein“. Zeitlose, irdische Texte. Damit kann man sogar Konzerte bestreiten.
Am 5. November um 19 Uhr gibt es die „Hälfte des Lebens“ unplugged in der Auwaldstation in Lützschena. Ein besonderes Hörerlebnis, denn zwischen den Song-Einlagen liest der Schauspieler Axel, Thielmann die Texte und erzählt die Geschichte dazu. Das wird mehr als heimelig. Einmal im Monat gibt es in der Auwaldstation Lesungen. Einige davon organisiert der „Produktiv e. V. Kultur ist machbar“. Auch der hat ein kleines Jubiläum dieses Jahr: Er wurde 1999 gegründet, als Lutz Heinrich und Hans „Erbse“ Moser fanden, es sei genug mit der Friedhofsruhe in Lützschena. Sie gründeten den Verein, um Künste aller Art in den Ort zu bringen.
„Klassik im Park“ ist mittlerweile ein Begriff. Dafür hat Freiherr Wolf Dietrich Speck von Sternburg gern seinen Park zur Verfügung gestellt. „Rock am Turm“ mausert sich zum Klassiker. Da steht der nahe Bismarckturm im Mittelpunkt. Das vom „Produktiv e. V.“ organisierte Artfestival“ wandert durch ganz Leipzig, vereint Musiker, Maler, Darsteller. „Aber auch dieser Verein ist von Fördergeldern abhängig“, sagt Annett Selbmann, stellvertretende Vorsitzende des Vereins. Derzeit wird daran gearbeitet, die „Auengalerie“ dauerhaft in Lützschena heimisch zu machen. 2004 fand sie erstmals im Schloss statt. „Jeder trägt bei, was er kann. Die Specks ihr Schloss, wir die Künstler“, sagt sie. „Ganz ohne Förderung geht auch das nicht. Wenn die Stadt diese Gelder streicht, wird es in Lützschena wieder zappenduster."
geschrieben von: Ralf Julke am Sonntag, 10. Oktober 2004 für die Leipziger Internet Zeitung